Was geht ab in Prag – Roter Alarm bei Bohemians!

Der Verein „Bohemians Prag“ ist St. PaulianerInnen vielleicht bekannt durch die intensive Freundschaft zwischen Teilen der jeweiligen Fanszenen. Besonderen Ausdruck findet diese in dem gemeinsamen Fanclub „Barflies United“, der in diesem Herbst sein 10-Jähriges Jubiläum feiert. Beide Seiten besuchen sich regelmäßig gegenseitig, Leute aus Prag fahren etwa mit Bussen zu näher gelegen Spielen des magischen FC (zb letzte Saison in Dresden) und waren beim Antira vertreten. Das Barflies Banner hängt bei fast jedem Heimspiel in Block 1 GG. Auch der Schreiber dieser Zeilen konnte sich bei mehreren Besuchen in Prag von der Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Trinkfestigkeit, Sangeskraft und nicht zuletzt der Bereitschaft zur Verteidigung gemeinsamer Werte überzeugen. Die organisierte Fanszene bei Bohemians bekennt sich offen und offensiv zu Antifaschismus und Antirassismus, macht Aktionen gegen Homophobie und anderen Dreck und steht damit in der Fußballszene in Tschechien und Prag ziemlich alleine da. Das es auch innerhalb des Stadions Ďolíček gewisse Probleme gibt soll hier nicht verschwiegen werden, eine Ausführung führt aber hier zu weit und die Leute vor Ort arbeiten daran.

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Man hatte in der Vergangenheit immer wieder mit Finanzproblemen und Inkompetenz von Vereinsseite zu kämpfen, und musste bereits in das nur ca. 1,5 km entfernte Stadion des Stadtteilrivalen Slavia Prag ausweichen, was natürlich für die Fans der Bohemka das Allerletzte war. Viele Organisierte besuchten dort dann folgerichtig die Spiele auch nicht. Letztendlich spielt man aber derzeit in der ersten Liga, was nicht zuletzt durch eine fanseitge Finanzierungskampagne zum Bau einer Rasenheizung möglich wurde, ohne die es keine Lizenz gegeben hätte.
Zur Geschichte des Vereins und der Rolle der Fans bei Insolvenz und folgender Rettung (und der Geschichte, wie der Verein zu seinem lustigen Känguru-Logo kam) sei hier auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen.

Das Stadion Ďolíček liegt relativ eingekeilt zwischen Straßen mitten im Stadtteil Vršovice im Prager Südosten und ist seit den 1930er Jahren Heimspielstätte von Bohemians Prag. Für mich als Außenstehenden hatte das kleine Stadion ein ganz charmanten Reiz – relativ klein, Stehbereich hinterm Tor, wo Ultras, Skin und ähnliches Gesindel, garnicht mal so wenige davon mit Totenkopfutensilien ausgestattet, supporten. Ein paar Wurst- und Suffbuden, billig und gut, überdachte einranginge Haupttribüne. Die Gegengrade besteht im Prinzip aus einer Betonwand, die das Stadion zur Straße abgrenzt und 20 Sitzschalen, der Gästeblock ist eher eine Frechheit in Käfigform denn eine Support-Area. [*Anm. d. Auslandskorrespondenten: Der Auswärtsblock ist jetzt an der Seite, nicht mehr im Käfig]
Ein paar grimmige Ordner schirmen das Kassenhäuschen ab, in dem eine hutzelige Oma dir wortlos deine Kronen gegen ein Ticket tauscht, von gegenüber guckt der Asi vom Balkon das Spiel an, – Sprich: einfach schön, nix da Arena oder Erlebnis-Mist.

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Jetzt erreichten uns allerdings wirklich beschissene Neuigkeiten von unseren FreundInnen aus Prag.
Am 11.9. wurde durch eine Meldung auf der Vereinshomepage bekannt, dass der Eigentümer des Stadions Ďolíček selbiges verkaufen will, an den nächstbesten und auch schon auf der Matte stehenden Geldgeber, der dann dort ein wundervolles Parkhaus, wahlweise ein weiteres überflüssiges Einkaufszentrum oder schnieke Luxusappartements bauen kann – kurzum: die Tage des Stadions könnten gezählt sein.
(Was mit dem Platz genau passiert ist natürlich reine Spekulation, aber man kennt das ja…Freifläche im Viertel, das wird wohl eher keine Sozialwohnungen, kein Spielplatz oder soziales Stadtteilzentrum…)
Das dass allein schon einen Super-Gau darstellt könnt ihr euch wohl vorstellen. Nicht zuletzt durch die Anstrengungen, die die Fans in der Vergangenheit zur Rettung des Stadions und des Vereins aufgebracht haben und die Rivalität in Stadt und Viertel ist die Verbundenheit der Anhänger zum Stadion eng. Ein erneuter Umzug des Teams ist für die organisierten Fans schlicht unvorstellbar. Noch härter kommt es, wenn man die Konsequenzen eines Verkaufs zu Ende denkt: Im schlimmsten und nicht unwahrscheinlichen Fall kann es sein, dass der Verein ab dem 22.11., dem angestrebten Verkaufszeitpunkt, keine Lizenz mehr erhält, was schlicht und einfach das Ende des Clubs bedeuten würde. Einem Umzug im laufenden Spielbetrieb müssen alle Clubs der ersten Liga zustimmen, ob man das erreichen kann ist nicht zuletzt aufgrund der Rivalitäten der vier Erstligavereine Prags völlig ungewiss.

Wie die Prager FreundInnen berichten glänzt die Vereinsführung einmal mehr mit geballter Inkompetenz bzw. zeigt komplettes Desinteresse.
Anfang der Woche kam es zu einem Treffen mit dem Präsidium – Ergebnis: totale Planlosigkeit. Seit drei Wochen ist den Offiziellen die Problematik bekannt, passiert ist nichts, und auch Pläne zum weiteren Vorgehen gib es offenbar nicht. Bei eine Stadtratssitzung zum Thema erschienen keine Cluboffiziellen sondern nur der sichtlich unvorbereitete Sohn des Vereinsbosses.
Gewisse Hoffnungen ruhen auf dem laufenden Wahlkampf des Bürgermeisters, in dem es um den Rückkauf des Viertels, in dem auch das Stadion steht geht. Aber warum sollte es in Prag anders sein als in Hamburg oder sonstwo: Politikern kannste halt nich ünbern Weg trauen. Andere Stadtpolitiker haben nach Einschätzung der Leute vor Ort schlicht keinen Bock auf das Stadion und die nervigen Fans.
Diese versuchen natürlich jetzt alles, wollen selber Gespräche mit Offiziellen und Politikern führen und diese von der Notwendigkeit des Erhalts ihrer geliebten Spielstätte und letztlich des Vereins überzeugen. Dabei arbeiten eigentlich alle Fangruppen zusammen. Geplant sind auch eine Pressekonferenz, Choreos und Aktionen im Stadion und nicht zuletzt ein Marsch durch Vrsovice – dazu würde man sogar einen Frieden mit den Stadtteilrivalen von Slavia schließen.

[So- an diesem Punkt zeigt sich mal wieder, dass es manchmal nicht schadet einen Text nicht direkt nach dem Setzen des letzten Ausrufezeichens zu veröffentlichen. Heute (Dienstag) gab es eine Pressekonferenz, nach deren Inhalt ich vor der Wahl stehe, Text in die Tonne oder Update – und da ich so´n Egomane bin, der gerne seine eigenen Texte liest schreibe ich natürlich weiter.]

Auf dieser Pressekonferenz des Magistrats Prag zum Thema kam etwas Licht ins Dunkel und es wurden vermeintliche Fakten präsentiert – Tatsächlich wollte der Stadtteilbürgermeister von Vrsovice das Stadion abreißen und an der Stelle ein Einkaufszentrum, Garagen (ha, gut geraten was?) und ein Studentenwohnheim bauen und im Stadionumfeld gelegene Grundstücke an private Investoren vergeben. Der Magistrat, also die Stadtregierung von Prag und der Bürgermeister wollen das nun laut eigener Aussage nicht und das Stadion als wichtiges Kulturgut der Stadt retten. Man wolle das Grundstück nun kaufen und im abgekürzten Verwaltungsverfahren vor November alles über der Bühne haben. So weit so gut (könnte man denken).

Dazu braucht man allerdings alle Unterlagen vom Stadionbesitzer, einem relativ undurchsichtigen Konsortium – im Endeffekt ist gar nicht so klar wem das Ding überhaupt genau gehört und wer da im Hintergrund welche Interessen vertritt. Der Grundstückswert, der in der Presse gehandelt werden ist zudem wohl viel zu hoch angesetzt. Dazu kommt natürlich Regel Nummer 1: Never trust a politician. Dem Magistrat ist die Sachlage seit Wochen bekannt – gehandelt (oder geredet) wird erst, nachdem es öffentlich wurde und die Fans auf die Barrikaden gehen. Es sieht so aus als würde der Bürgermeister und seine Partei der bürgerlichen Rechten dieses Thema nun als politische Kampagne nutzen wollen – vor den anstehenden Wahlen können die keine negative Presse gebrauchen. Das übliche abgekartete Politikspiel also. In der Prager Presse ist seitdem einiges los und es werde verschiedenste Gerüchte präsentiert – die Lage bleibt also weiter angespannt und undurchsichtig.

Die PragerInnen sagen, dass sie sich über Aufmerksamkeit und Unterstützung jeder Art freuen – als jemand der sich in Prag, Ďolíček und der Fanszene von Bohemians immer mehr als wohl gefühlt hat stehe ich natürlich etwas ohnmächtig daneben und kann nur hoffen, dass die Offiziellen da zu Sinnen kommen.

Drecks Politiker, scheiß Spekulanten – verpisst euch einfach – „Ďolíček a Bohemka zůstanou!“

[Kurze Anmerkung: das sind alles Infos die ich von Freunden aus Prag bekommen hab – die (politische) Bewertung ist natürlich rein subjektiv und von einem Außenstehenden ohne Tschechischkenntnisse. Falls ich da Bullshit geschrieben habe möge man mir verzeihen und mich korrigieren]