Auswärts: Spieltag Nr.8 SSV Jahn Regensburg – FC St. Pauli (3-0)

Eieiei, ich hatte ja einen Bericht versprochen, also Just Went Black aufs Ohr, den Urlaubstag im Bett nutzen und an das Grauen zurück denken:

Im Nachhinein stand dieser Spieltag irgendwie unter keinem guten Stern.
Der ursprüngliche gemütliche Reise- und Übernachtungsplan zerschlug sich zeitnah, nach einigem Hin und Her und von den traurig am Kühlschrank hängenden Karten gemahnt entschloss sich die Neusser Sektion von Siamo Tutti ein Hohelied der Jugend zu singen und mit Schöner-Tag-Ticket und Bimmbelbahn die 600 km Luftlinie anzutreten. Sektion Münster/Frankfurt/Mainz würde dann ausgeschlafen in FFM dazustoßen. Erinnerungen wurden wach an eine relativ legendäre Wochenendticketfahrt nach Berlin zu Regionalligazeiten (06/07 muss das gewesen sein), bei der im örtlichen Jahnstadion (!) nach 12 stündiger Regionalexpress-Odyssee kläglich und in der Höhe verdient 3:0 gegen Hertha II verloren wurde (wie gesagt-kein guter Stern.)

Naja, wir sind auch nicht mehr die jüngsten, also fiel der Vorabendsuff doch deutlich zivilisierter aus als Anno dazumal und der Bahnproviant bestand nicht ausschließlich aus Bier.
Ich will nicht jammern, die Hamburger waren ja noch länger unterwegs, trotzdem, 5 Uhr Wecker an einem „freien“ Tag ist nicht schön. Aus dem Radio plärren die Ärtzte….“zu spääääät, zu späääät, dann tut es dir Leid,doch dann ist es zu späääät“. Welch Ironie. Nicht nur angesichts der Uhrzeit. Als ich etwa 14 Stunden später mein Blick vom Spielfeld abwendete und stattdessen nur noch hypnotisch auf die braun-weiß-rot im Regensburger Abendhimmel wehende Fahne starrte kamen mir Farin Urlaubs Worte wieder in den Kopf. Ich will nicht vorgreifen, aber ihr alle wisst wie es da so war, da tat es mir Leid und es war zu spät.
Morgens früh konnte ich solche Abstraktionen noch nicht leisten, zumal im Anschluss direkt „Allright“ von East 17 lief. Gemeinsam mit der Freude über den nur geringen Kater kam der Song einem Heilversprechen gleich: „Everything is gonna be allright“ und ich hatte richtig Bock. Bock auf 10 Stunden Bahnfahren mit super Leuten, Bock auf nen neuen Ground, Bock auf 3 Punkte, Bock auf eine durchdrehende Kurve, Bock auf fußballbedingtes Glücklichsein, kurz: BOCK AUF DEN MAGISCHEN FC!

Den anderen Dorfjungen eingesammelt, Brötchen und Kaffeeversorgung angekurbelt, doch ma lieber n Notfallbier eingepackt und los ging dat!
Die Tatsache, dass ein Quer-durchs-Land-Ticket erst ab 9 gilt geflissentlich ignoriert. Die kurze Durststrecke zwischen Gültigkeit der NRW-Studitickets und 9 Uhr würde schon rumgehen, zur Not gibt’s ja da noch ne glasklare Taktik im Umgang mit übereifrigen Kontis. Erst einen auf netter Schwiegersohn machen, können P. und ich besonders gut, und wenns nich hilft hart ‚rumasseln!
Die Fahrt verlief aber ereignislos, dem Konti war es schlicht egal, um so besser.

Die ersten Momente dieses Trips standen klar im Schatten des Deutschpunks, schlicht weil mich ein schlimmer Ohrwurm plagte und wir trotz jahrelanger Punk-Sozialisation ums Verrecken nicht drauf kamen von wem er war. Smartphone sei dank, der hier wars (Im Übrigen wunderbar auf FCSP umdichtbar, da muss der Kollege gleich ma hier den Wortlaut nach reichen, T., dein Einsatz! comment: T. dieses Versprechen soll demnächst eingelöst werden!)
Wenn man so lange unterwegs ist entwickelt man ja so einen wunderbaren Fatalismus und eine nahezu juvenile Albernheit, auch ganz ohne Alk war es schon ein ziemlich infantiler Spaß. Köln hinter uns gelassen, auf dem Weg nach Koblenz.
Schön da, ne echt schön. Schade nur, dass die Wikinger auf halber Strecke halt gemacht haben. Hatten augenscheinlich keine Lust mehr auf Kirchen niederbrennen, so dass ca ab Oestrich-Winbeck die schönen Burgruinen wieder durch klerikale Schandflecken abgelöst wurden. Egal, ihr merkt was ich meine.
Eins sei aber noch angemerkt, auf dieser Strecke scheinen nur, und ich meine NUR Rentner unterwegs zu sein, die Pro’s unter ihnen in schnieken Radlerklamotten samt zu enger Hosen. Allesamt jedoch durch die Bank schlecht gelaunt, hört mal, die Deutsche Bahn kann doch auch nichts für eure mickrige Rente! Bei solchen Anblicken bekommt man dann doch Bock und das erste Bier wurde geköpft. Angestoßen auf die Erkenntnis, dass Elvis die Bacon Zahl 2 hat. War mir auch neu, aber es stimmt. Beweise gibt es hier.

Schnell noch eine SMS an die Straight Edge Fraktion geschrieben: „hömma mein edgiger freund, ich hoffe du bringst gleich n sixpac ran“ – „alkoholfrei war richtig oder?“ – „wag es und du lernst den mvag* kennen“ (* mvag – m. Von außergewöhnlicher Größe – Interessierte lesen hier weiter

Und tatsächlich, am Frankfurter HBF traf man nicht nur auf Verrückte in Verkleidungen, die offensichtlich auch nach Bayern wollten, sondern auch 2 ausgeschlafen und wohl gelaunte Siamos.
Klar, schickste n Edger Bier holen, holt der Tuborg, aber wat solls, ab jetzt wurde es richtig lustig, Bierchen, grandioses Catering (irgendwie hatten alle Beteiligten was gekocht. Und ja. Ich kann nicht essen. Mit mir ist es eine Plage, auch wenn ich mich anstrenge, es wird immer in einer Sauerei enden. Vor allem wenn alle Mitreisenden abstruse Geschichten aus ihrem (Arbeits-)Leben erzählen. Datenschutz und so, aber es ging um 12 jährige Kettenraucher, ärgerliche Dorfpolizisten und andere lebensbejahende Erlebnisse.)
Die Auswärtsfahrt von Außergewöhnlicher Länge flog quasi dahin und über Würzburg und Nürnberg rollten wir langsam auf Regensburg zu. Stimmung prächtig, auch das Tippspiel liesz keinen Zweifel über den 3-Punkte-Optimismus. Naja, der Pott wächst, sag ich mal.

Die Trainerdiskussion hat sich ja jetzt erübrigt. Ich will gar nichts groß zu Frontzeck sagen, jetzt ist er halt da und verdient Unterstützung. Ich hoffe schlicht, dass meine Skepsis (BORUSSE!) haltlos ist. Wir hatten ihn jedenfalls nicht auf dem Zettel. Unsere Gedanken kreisten vielmehr um den guten, alten Peter N. Ich persönlich liebe den Mann aber das letzte was man sich wünschen kann ist den als Trainer zu haben. T. sieht das traditionell anders, nach längeren Diskussionen hatten wir aber eine grandiosen Konsenskandidaten. Leider zu spät an die Geschäftsstelle gefaxt, weil, hömma, Leute, ganz ehrlich: mit Dragoslav Stepanovic wären wir direkt auf UI-Cup-Kurs gegangen. Egal.

In Regensburg aus dem Zug gestiegen, überall schon braun-weiße. Auch ne Menge komische (pittbull germany crew die „ultrà antifa“ gröhlt, hillarious!). Dazu leider später mehr. Spät dran, noch 1,5 Std. bis Anpfiff, normalerweise hänge ich da ganz gerne schon vorm Stadion ab. Also hurtig ins Hostel, das der Kreditkartenhoschi in einem Anflug von Intelligenz vorher gebucht hatte, einchecken, Sachen in die Ecken werfen und auf die Suche machen. Man kann ja mal Leute fragen: „Wo geht’s denn hier zum Stadion“ „Wenns ihr uns nich verprügelts doann soagens mirs euch“ ?!? WTF? Klar, wir prügeln erst mal die Scheiße aus euch raus. Aber wegen eures Akzents, nicht ob der Regensburg Schals.

Der gewiesene Wege war dann der richtige, alles etwas unentspannt, weil halt kurz vor knapp. Das Stadion ist ja alt, charmant und mitten zwischen Häusern gelegen, die Einlasssituation war aber schlicht ätzend. 2 Ordner*innen für keine Ahnung, tausende Gästefans. Lassen sich natürlich auch alle Zeit der Welt. Währenddessen darf sich die Spezies „Auswärtiger Vollasi“ ausleben. Klare Ansagen auf dicke-titten-oleole-Lieder führten zu Verwirrung, Aggressionen und zur Schau gestellter Dummheit. Ich bewundere Leute wie L. die darauf noch adäquat reagieren kann, ich seh da einfach nur rot. Ich will solche Leute nicht in „meinem“ Block haben. Bitte Leute, geht an den Ballermann, holt euch n Sky Abo, geht einfach sterben, aber verpisst euch aus unseren Blöcken. Auf euch können wir gut verzichten. Und erwartet nicht noch, dass wir über euren Sexismus, eure Homophobie, eure verkackte Dummheit diskutieren, da wird nicht diskutiert, und wenn Du das nicht raffst dann wunder dich nicht wenns mal was setzt, ahhhhh, mensch ey. Wers anders sieht, ihr findet uns meist unter unseren Doppelhaltern, kommt mal rum, wird direkt nonverbal erklärt. Ist das arrogant, unangebracht? Ich fühle mich leider oft als was Besseres angesichts vieler Menschen die sich St. Pauli Fan nennen. Klar, ich bin auch Auswärtiger, musste mich an viele Dinge in dieser Fanszenen ran tasten und gewöhnen, aber irgendwie erwarte ich doch nur, kein Arschloch zu sein. Scheinbar zu viel verlangt für einige. Somit ist auch jede*r Neue gern gesehen, wenn er*sie die Werte in der Fanszene St. Pauli für sich annehmen kann. Egal, Exkurs ende.

Noch pünktlich im Block, diesmal keine Zaunfahne, Adorno war in Frankfurt irgendwie lustiger.
Und nein, wir haben den Widerspruch Adorno/Fußball noch nicht aufgelöst (negative Dialektik und so – Auflösung ist doch scheisze), wir finden das schlicht (aber nicht nur) witzig, wir komischen Akademiker*innen-laberköppe. (comment: Die Rechtfertigung werden wir euch auch noch bis zum Paderbornspiel schuldig bleiben – so als Cliffhanger, damit ihr weiter interessiert bei unserer Gruppe schaut)

Zum Spiel, zum Spiel. Ich weiß, das hier ist n Fußball-Blog, da geht’s um Sport, wichtig is aufm Platz. Aber was soll ich dazu sagen? Das war einfach nichts, deshalb in gebotener Kürze. Gegen einen nicht mal sonderlich cleveren Aufsteiger verdient 3:0 verloren. Klar, wenn das nicht gegebene Tor zählt beim Stand von 0:0 kann so was anders ausgehen. Aber mal ehrlich, diese Mannschaft ist so verunsichert, da ging einfach nichts. Auch nicht über Kampf. Einfach alles ging schief. Leute wie Tschauner und Schachten tun mir da auch irgendwie Leid, wenn da nur scheiße passiert. Ich bin relativ ratlos und habe eine ehrlich gemeinte Abstiegsangst im Nacken.

Im Block das (leider) übliche Bild der letzten Auswärtsspiele. Ultras gehen gut ab, keine Frage, aber 10 m links und und 5 m rechts von unserem Standpunkt ist nur noch Stille. Selbst das Aux Armes mit dem Nachbarblock haut einfach nicht hin mangels Beteiligung. Die beiden Hoschis aufm Zaun geben sich alle Mühe, aber es kommt außer von den üblichen Verdächtigen einfach nichts. Ich erwarte nicht, dass man bei Stand von 3:0 ausrastet vor Freude, aber auch vorher einfach nur Stille (der Fernsehgucker zuhause sagte zwar, wir wären gut gewesen, aber ich habs vor Ort anders wahrgenommen). Und klar kann man die Art und Weise des Ultrasupports kritisieren, In Frankfurt fand ich auch ein paar Sachen nicht angemessen. Aber wenn die, die sich hinterher im Forum über DauerLALA und Einschläfern beschweren im Stadion mal das Maul aufmachen, pusten die uns LALALA’s mit einem Roar ausm Stadion. Also, nit quake, make! wie der Rheinländer sagt.
Ab Mitte HZ 2 hab ich irgendwann nicht mehr hin geguckt, siehe oben, meine Fahne geschwenkt und gesungen. Und gehofft, dass der endlich abpfeift. Zu grausam. Trotzdem, zT übles Gepöbel vom Zaun gegen Leute wie Bene (! der hat nichma gespielt Hoschi! *insertichbinschoninderregiodabeigewesenbesserfangepöbelhere*) und Schachten, der sich zum Wiederholten Male nach ner Niederlage am Zaun stellt sind scheiße und unnötig!

Die Mainzer Snobs mussten dann zügig los, den IC nach Hause kriegen und verabschiedeten uns in die Regensburger Spätsommernacht.
Ratlosigkeit mischt sich mit Frustdurst. Also auf die Suche nach nem Kiosk gemacht. HAHAHA mag der bayrische Leser denken, aber uns war schlicht nicht klar, dass man in diser Stadt kein Bier kaufen kann. Schlimm sowas. An der einzigen Dönerbude der Stadt rief der freundliche Herr dann 2,50 plus 50 ct Pfand für ne lauwarme Kanne auf, da protestiert die Punkerseele, nicht mit uns. Lieber zum Bahnhof gelatscht und da mit Paderborner und Jägermeister eingedeckt. Die Mainzer*innen wurden für ihre Faulheit mit Bahnverspätung gestraft (Comment von Sektion MS/MZ: erst 80, dann 110 Minuten, ist gar nicht so witzig, das Warten in Regensburg – immerhin konnten wir uns als diskursive Sammler*innen betättigen und retteten eine kleine Fahne aus bay‘rischen Souvernir-Jäger-Fängen und hatten einen netten Heimweg mit den versprengten Übrigen von les sans gouts), so dass man vor‘m Bahnhof noch ein wenig über seine Gefühle reden konnte. Als die weg waren, hieß die Devise: nur noch Lampen aus und schnell auf traumloserkomaschlafmodus bringen sowie den Jahresvorrat an Aufklebern verkleben.
Bayern ist im Übrigen scheiße. Die Menschen reden komisch, sind unfreundlich freundlich und selbst die Cops waren sich der Gefahr, die von uns ausging nicht bewusst. Ich finde die Lösung: Mauer drum. Gut, da würde sich doch keiner beschweren. Make St. Pauli a Threat again! ;)

Rückfahrt um 9, eigentlich das gleiche wie hin, entspannt, viel Gelaber, nur ohne Alk. Und Rauchpausen brauchten wir auch nicht. Ich rate Wochenendticketnutzer*innen sich bei Umstiegpausen mit dem örtlichen Christlich-Konservativen Hetzblatt einzudecken, man erfährt ne Menge über Mentalität und Alltagsprobleme der Menschen. So sind nach Randalen am Rande einer Facebookparty im Jugendraum der Gemeinde Gauskönigshofen Privatfeten dort ab sofort tabu.
Wir schließen uns der Gemeinderätin Jutta Lersch an, es war wirklich ekelerregend dort. Ihrer Schilderung nach lagen dort „Flaschen, Gläser und Mageninhalte“ herum, vom Lärm mal ganz zu schweigen. Der Kommentator des Blattes weiß mitzuteilen, dass es sich bei Facebook-Partys um ein gesellschaftliches Problem handelt. Wer also Probleme mit der Gesellschaft hat möge unsere brandneue Facebookseite liken!

Über Fußball sinnieren macht dann irgendwann doch müde und auch einsam. Ich möchte also diesen Bericht mit einer Bekanntsschaftsanzeige aus dem Würzburger Katholikenblatt schließen und wünsche dem Inserenten aus tiefstem Herzen alles gute, so geht’s mir manchmal auch mit dem FCSP:

„ER, 31, asozial, ungepflegt, stinkfaul, oberflächlich, strohdumm, humorlos und versoffen sucht schlanke Sie zw. 25 und 30 j. Für immer.“