Archiv für Oktober 2012

Auswärts: Spieltag Nr. 10 SC Paderborn – FC St. Pauli (1 -1)

Ein kleines Vorspiel zum Fussballspiel.
Unser Wochenende fing mit einem aktuellen Bericht zur Menschenrechtslage in Süd-Mexico, organisiert von der Gruppe B.A.S.T.A, in der Baracke zu Münster an. Einige aus unserer Gruppe haben auch schon mal eine sehr kurze Zeit in Chiapas Mexiko verbracht, wo 1994 der Aufstand der EZLN begann. Die Bewegung richtet sich gegen das NAFTA-Abkommen, dem Freihandelsabkommen zwischen Canada USA und Mexiko – welches sehr zu Lasten der Landbevölkerung in Mexiko gehen würde und sprach sich für viel mehr aus: ein würdiges Leben, Demokratie, Gerechtigkeit, Land und Freiheit.
Nach eine Phase des offenen Konfliktes, befindet sich die Regierung der weil immer noch in einem „war of low intention“ gegen die Zapatistas, die ihrerseits die Waffen ruhen ließen, d.h. 2/3 des mexikanischen Militärs befindet sich im Bundesstaat Chiapas zur Kontrolle und Repression, der Staat unterstützt para-militärische Einheiten, welche Übergriffe auf die Zapatistas durchführen oder verfolgt die Straftaten zumindest nicht. Daher befinden sich seit 1998 durchgängig internationale Menschenrechtsbeobachter*innen in den Gemeinden auf Wunsch der Zapatistas und berichten über die Situation und wir können uns von euch nur wünschen sich darüber mal schlau‘ zu machen:
chiapas98
Menschenrechtsbeobachtung CAREA.

… doch Fussball ist immer noch wichtig!
Am Samstag fing dann aber das Fussball-Wochenende an und gemeinsam mit einigen Mafiosi besuchten wir ein Spiel des SC Preußen Münster. Diese Empfingen Offenbach an der Hammer Str. in Münster. Ein sehr spannendes Spiel, wo Offenbach nur mit Glück 1 Punkt nach Hause holen konnte, durch einen Hand-Elfmeter in den letzten Minuten. Überragende Leistung zeigte mal wieder Münsters Matthew Taylor, der die 2 Tore für Münster erzielte (Endstand also: 2 – 2). Ähnlich gute Leistungen zeigten die Deviants im Block M des Preußenstadions. Eine Neuerung zu unserem letzten Besuch im Preußenstadion waren die Stoffbahnen in schwarz-weiss-grün, die den Ultrà-Block umrandeten und optisch echt was hermachten. Sonst ging die Gruppe auch gut ab und es waren viele Doppelhalter und Fahnen im Einsatz zu ziemlich fetzigen Liedern. Auch das Schnippsel Intro wusste mich zu begeistern und auf der Page findet sich ein Blockfoto wo die Stelle der Deviants mit grünen Schnippseln markiert ist und der Rest der Kurve eben nicht, das macht es deutlich, wer hier Stimmung macht. Stilmässig echt ne gute Vorstellung von den Damen und Herren.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo.
Sonntag stand dann Paderborn im Termin-Kalender. Es ist jetzt nicht mein Lieblingsgegner, aber heimlich freute ich mich schon sehr auf das Spiel. Auch wenn wir kleine Probleme mit dem „Absprung“ hatten. So hatte die Münsteraner Fahrgemeinschaft die Mafiosi in Münster verpasst, da das Wochenend-Ticket sich verspätet und Düsseldorf hatte wohl den Absprung von NeussNow-Festival (oder war es: No!se-Now) rechtzeitig verpasst und somit auch den Zug.
Gäb‘ es nicht die güt‘gen Frauen und Männer vom Team-Green mit dem modischen „Bielefeld“-Patches, hätte sich unsere Gruppe wohlmöglich niemals mehr wieder gefunden in den unendlichen Weiten des Paderborner platten Landes, da sie aber so schlau und vorrausschauend planten, blockierten sie uns am Bahnhof einfach den Weg, so dass man zwangsläufig zusammen finden musste.
So Spass an der Stelle dann aber mal wieder aus!

Sehr geehrte Damen und Herren der Bundespolizei, sowie der Einsatzhunderschaft.

Die polizeilichen Maßnahmen am Bahnhof waren doch mal wirklich ein Griff ins Klo, oder? Wenn ihr mehrere Personen am Bahnhof zwischen Gleis und Parkplatz fercht und warten lasst, so dürftet ihr euch nicht wundern, dass das Bedürfnis aufkommt die Toilette besuchen zu wollen. Wenn dann auf jenem Gleis ein Zug parkt, der ja in der Regel über eine Toilette verfügt, könnte man davon ausgehen, dass diese auch frequentiert wird. Besonders für Anhängerinnen des FC St. Pauli ist es nämlich besonders unschön die Notdurft zwischen euch und Müllcontainern verrichten zu müssen. Das aggressive Auftreten: Leute aus dem Zug zu ziehen, die Umstehenden anzuschreien und mit Anzeigen wegen „Behinderungen des Bahnverkehrs“ (sorry, da habt ihr euch im Paragraphen vergriffen) zu drohen, vor allem wenn diese an Deeskalation interessiert sind ist nicht erklärbar!
Vor allem wenn die Pannen auf eure schlechte Koordinierung zurück zuführen sind. Die Hundertschaft, die einen aus dem Zug holt und meint man könnte im Bahnhof auf’s Klo, während die Bundespolizei dieses Anliegen quittiert mit: man dürfte nicht in den Bahnhof, weil man in den Bus einsteigen soll und einem auch vom Gleis scheucht und ihrerseits das restliche dreckige Dutzend der Hundertschaft auf dem Parkplatz einen dann nicht vorbei lässt, weil sie es einfach mal nicht will. Dann habt ihr ein Absprache- und Koordinierungsproblem und wir den Ärger, über diese Scheisse und letztendlich auch mit euch.
Aber erschreckenderweise zeigt sich kein Lerneffekt im Umgang mit Fans auf eurer Seite. Der Durchgang zum Bus wurde künstlich von euch so verkleinert, dass es zu Menschengruppen auf engstem Raum kommen musste, die nicht sehen konnten was vorne passiert – bzw. selbst wenn sie etwas hätten sehen können, vorne ist ja nichts passiert, ihr habt einfach eure Arbeit nicht gemacht. Der Polizei-Trupp Bielefeld hat augenscheinlich den Ausflug nach Paderborn bei der Praktikumsausschreibung der BRAVO gewonnen, Kriterium war wohl „Ordnung“ mit weniger als 4 Fehlern buchstabieren zu können – somit noch mal herzlichen Glückwunsch an die Gewinner*innen den grünen Sakos.
Dass es in solchen Gruppen zu Unruhe kommt ist vorprogrammiert, vor allem wenn es eine Stunde von Anpfiff ist, dass nicht mehr passiert ist, verdankt ihr nicht zuletzt (und das wollt ihr sicherlich nicht hören und glauben) dem besonnen Auftreten der Anhänger*innen des FC St. Pauli, die nämlich auf sich aufpassen, die merken was abgeht und sich selber reflektieren und wissen was in welchen Situationen angemessen ist und sich eben nicht auf Teufel komm‘ raus rangeln müssen. Selbst wenn ihr die Menschen darin auch noch auf das Übelste provoziert, niemand von uns hat Lust eine Ansage von allergrößtem Schwachsinn zu ertragen, niemand von uns muss diese dann mit Höflichkeit honorieren (da müsst ihr auch mal durch) und ihr habt zu keiner Zeit das Recht gegenüber jmd. körperlich zu werden, in dem ihr mit dem Finger im Gesicht ‚rum stochert, drängt, festhaltet oder euch sonst wie als die „tough guys and girls“ profiliert!
Was wir von euch erleben ist allerletztes Niveau, statt über die Schickanen ernsthaft nachzudenken, dass ihr eine Fanszene wie St. Pauli eben nicht in 2er Grüppchen durch Gitter abfertigen könnt, dass ihr die Schuld den Fans zu schustert, dass ihr aggressiv und grenzüberschreitend reagiert. Bestenfalls können wir nur über euch lachen, wenn dann zum Beispiel der Kollege in Grün meint „Das ist alles euer Ultra-Führer schuld“ wenn wir an den Gittern vorbei wollen um vor Spielanpfiff unseren magischen FC zu supporten, „könnt ihr alles im Internet finden, google das mal“ – echt lächerlich!
Es schleicht sich die Angst ein, ihr werdet es nie verstehen und nicht mal den Unmut, der sich darüber breit macht. Beim Schreiben kam mir auch die Worte des Fanladen-Hoschi im Film „das ganze Stadion“ in den Sinn. Durch eure hermetische Abtrennung von St. Pauli Fans zu anderen Fans, dem Verbot den Bahnhof bzw. diesen kleinen Parkplatz zu verlassen, tragt ihr erheblich dazu bei, dass sich zwischen Fangruppen Rivalitäten konstruieren, das eine Auswärtsfahrt unentspannt wirkt und ihr konstruiert eine kontrafaktische Gefahrenzone. Hier wird eben durch das Sicherheitskonzept der Polizei, ein Sicherheitsproblem erstellt.

Aber auch nochmal an die Fans des FC St. Pauli. Wenn ihr noch auf dem Gleis steht bringt es nichts die Leute die vor dem Bus stehen zu bepöbeln, oder denen die Schuld für die Schickane anzuhängen. Wir besteigen den Bus, wann wir das wollen und wir warten auf Freund*innen, wenn wir von der Polizei willkürlich getrennt worden sind. Die Entscheidung wann in den Bus gegangen wird, wird von uns gefällt und nicht nicht von der Polizei. Diese ist es, die durch ihrer regiden Kontrollen die Gruppen trennt und es somit zu Verzögerungen kommt, diese ist es die unseren Weg ins Stadion beschränkt und somit uns alle in Zeitnot bringt. Es waren genügend PaderSprinter vorort, man hätte letztlich alle vor fahren können und die Fans des FCSP einsteigen lassen können, statt da irgendwelche polizeilichen Verteilungsaktionen zu starten. Wie Einzelpersonen (oder Gruppen) ins Stadionkommen wollen und wann ist ihre Sache – das wir von der Polizei gehindert werden ist unerträglich!
Die Foderung kann nur heissen: Bullen vor die Pflugscharen!
So kam es, dass wir quasi Forum-Bespassung hatten, ohne online gehen zu müssen und ein wunderbares Dreier-Team hören durfte, die wohl gemeinsam mit 53 verschiedenen Nicks im Forum ihre Meinung zum Besten geben. Von „das sind die Ultras wegen wir hier jetzt warten müssen“ bis zu den absurditäten wo Ultras wann was verstecken und warum darum die Polizei so gründlich sein muss.
Das es ein Team „Niveau-Limbo FC St. Pauli“ gibt und das die Heute am Bahnhof in Paderborn Auswärtsspiel gegen die Bild-Zeitung hatten war mir neu und ist bedauerlich – wir werden das auf der JHV mal ansprechen.
Dicker Respekt geht an die Menschen von Ultrà Sankt Pauli, die sich durch solche Stimmen nicht beirren lassen und immer wieder versuchten zu schlichten und zu erklären. Erfolgreiche 10 Jahre geben euch recht und wir freuen uns auf jedes Spiel mit euch!

Naja soviel dazu und ich fürchte Fussball wird jetzt doch etwas zu kurz kommen.
SC Paderborn – FC St. Pauli ( 1 – 1; Ginczek, Naki – Eigentor)
Aber nachdem man in dem wunderschönen Pader-Bauhaus angekommen ist (15 Minuten vor Anpfiff!!!), haben wir uns erstmal in die Kurve gestellt.Da uns Antifaschismus eine Herzensangelegenheit ist, ist der Siamo Tutti Doppelhalter „Herz an Herz Antifa e St. Pauli“ natürlich mit ‚rein gekommen – wir scheißen auf eure Verbote!
Dass das zweit heisseste Spiel des Jahres Paderborn wird, hätte wohl keine*r vermutet- bis die Birne langsam auf hartgekochtes Ei-Niveau gebrützelt war. Somit wurde meine negativ Erinnerung von Paderborn bei Minus 20 Grad immerhin getilgt. In der Kurve war die Stimmung wirklich ganz gut fand‘ ich diesmal. Was auch an der wirklich beachtlichen Leistung unserer Boys in Brown gelegen haben durfte. Die haben wirklich gut Pfeffer gegeben und einiges raus geholt, was mich den Auftritt in Regensburg fast vergessen ließ. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, bester Auftritt bis jetzt in dieser Saison. Wirklich da war viel zu sehen, was ich vermisst hatte: kämpferisches Auftreten, Mut und Engagement. In den ersten 20 Minuten wurde auch einiges an Chancen frei gespielt und auch sonst war der magische FC große Strecken des Spieles überragend. Und wie die Kurve abging als der Knoten endlich platzte und Ginczek den Führungstreffer erzielte. Gänsehaut und alle Siamos hingen sich in den Armen. In der 59. Minute wurde dann der verhinderte St. Paulianer Naki eingewechselt, begleitet von einem euphorischen Block des FCSP. So wurden spontan Lieder auf den Mann mit dem falschen Trikot gesungen, leider konnten sich einige nicht durchsetzten wie: „ich liebe dich, ich träum‘ von dir, in meinen Träumen bist du Hansa-Rostock-Besieger – doch wenn ich aufwach‘, fällts mir wieder ein, spielst ganz woanders in Paderborn“ oder: „Bring back, oh bring back, oh bring back naki to me to me“. Auch die Forderung „Eigentor“ wurde lauthals von der Kurve vorgetragen und dann 71. Minute Deniz Naki knipst Tschauner ab und da wars, das „Eigentor“ im doppelten Sinne. Einerseits sicher nicht einfach für Naki gegen seinen Ex-Club die Budde zu machen und andererseits waren viele davon nicht überrascht aber geschockt, dass wir unverdient wieder mit einem Punkt nach Hause geschickt werden. Aber (und vielleicht bin ich da zu sehr Optimist) bin ich zufrieden, die Mannschaft hat echt alles aus sich rausgeholt und hat einen schönen Fussball gespielt und es war viel zurückgekehrt vom Spirit Sankt Pauli.
Dickes Loooooooser geht nochmal raus an Paderborn, so ein scheiss Saglik auszupfeifen – Bauern an die Pflugscharen sag‘ ich da mal!
Natürlich hat uns ein Punkt nicht aus dem Tabellenkeller geholfen, aber emotional war das auf alle Fälle Aufstieg! Einzig schade fand‘ ich, dass die Spieler nicht nochmal zum Block gekommen sind, zaghaft zeigte sich zwar Bene, Käpt‘n-Kalla und Tschauner – aber da hätte ich eigentlich mehr erwartet als zaghaft Winken von Mittelkreis Höhe. Das Frontzeck auch noch kurz in Richtung Block kam fand ich ne nette Geste, da geht aber auch mehr. Naki holte sich noch Geschenke am Block ab und den obligatorischen Applaus und es war auch schön. Zwar hat der uns 2 Punkte gemopst, aber das wir so aufrichtig sein können, zeigt die Größe der Anhänger*innen des FC St. Pauli.
Hoffentlich hat Naki sich in der Kabine vertan und findet sich Morgen in het elftal vom FCSP wieder.

Der PaderSprinter ist eine weitere Pader-Zumutung wie PaderBoring als solches und die Frage die an diesem Tag unbeantwortet blieb war: „Warum wurde Paderborn eigentlich wieder aufgebaut?“.

Ein dickes Danke geht an:
Die Reisegruppe der Sankt Pauli Mafia für die Begleitung am Samstag und sonst noch alles!
Die gemeinsame Anreise mit Wilder Westen.
Danke auch an Ultrà Sankt Pauli
Träume Leben! Deviants!

und als Abschluss ein kleines Schmankerl aus der Trickkiste!

Die gewaltige Waffe der Kritik.

Sicherheit als Anti-Politik
Die Kunde vom DFL-Paper zum Entwurf eines „sicheren Stadionerlebnis“ ist sicher schon in der Fanszene kursiert.
Mit der populistischen Forderung der Aussöhnung aller Fussballfans und Ultras gegen Gewalt, bedeutet dieses Konzept doch nur herbe Einschnitte in die Fanszenen und die Fankultur.
Selbst Pseudo-wissenschaftliche Erkenntnisse und feuilletonistische Ankerennung, das Gewalt nicht einfach wie Regen vom Himmel fällt, finden keinerlei Beachtung – somit kann man auch vergeblich nach einem Lichtblick in dem Paper suchen, welches zumindest den Wunsch erkennen ließe über die bestehenden Verhältnisse hinauszuweisen in denen Gewalt zum Problem wird. Es ist eben doch nur eine image- und marktorientierte Befriedungsstrategie auf Kosten kritischer Fanszenen.
Es geht um ein mehr an Verboten und Sanktionen und ein weniger der Kritik und kritischen Auseinandersetzung. Einschnitte in demokratische Grundrechte, wie das der freien Meinungsäußerungen, sollen durch die Konstruktion von „Fussball als Privatevent“ einiger Funktionsträger*innen und willigen Besucher*innen gewährleistet werden.
Nur so lassen sich Choreos, wie jene Glücksradchoreo von USP beim Spiel gegen Union, als Beleidigung diffamieren – in dem sie das Stadion zum Privatraum von DFL und DFB deklarieren und selbst hinter die Statuten des bürgerlichen Rechts zurückfallen.
Ebenso sollen politische Äußerungen verunmöglicht werden und bestenfalls auf ein selbstbestättigende Events, wie: „Rote Karte gegen Fremdenhasse“ beschränkt bleiben. Aktivierung von unten, basisdemokratisch, soll somit aus den Stadien gedrängt werden und Fussballinteressierte haben nur der Humba von DFL und DFB zu folgen. Gerade als Anhänger*innen des FC Sankt Pauli gehen uns solche Entwickelungen was an, wir sollten uns unsere politischen Statements nicht dirigieren lassen und weiterhin auf den Ausbau eigener Strukturen gegen die extreme Rechte drängen, aber natürlich auch gegen staatlichen Rassismus, Sexismus, Homophobie und soziale Ungleichheiten. Wir appelieren dabei weder an einen starken Staat, noch eine andere Institution als unsere selbst.

Die DFL und der DFB profitieren dabei vom medial Diskurs um und über Gewalt im Rahmen vom Event Fussball, nur durch die Aufladung der öffentliche Atmosphäre werden solche Vorgaben diskutierbar. Schade dass non-established Sankt Pauli da mit mischt. Über die Gewalt beim Oktoberfest wird bei weitem nicht so herzhaft schwadroniert. Nun ist es an uns, sich mit dem Thema auseinanderzusetzten und Strategien zu entwickeln um jene Entwickelungen, die die Vereinnahmung der Fankurven als kulturindustrielles Event fordern, zurück zu drängen.

Da die Zeit zum aktiv werden gegen diese Auswüchse gering ist, schlagen wir die folgenden beiden Texte als „Pflichtlektüre“ vor:
MagischerFCDFL contra Rechtsstaat.
Lichterkarusell - Nix Sicherheit – it’s Vermarktung, stupid.

Auswärts: Spieltag Nr.8 SSV Jahn Regensburg – FC St. Pauli (3-0)

Eieiei, ich hatte ja einen Bericht versprochen, also Just Went Black aufs Ohr, den Urlaubstag im Bett nutzen und an das Grauen zurück denken:

Im Nachhinein stand dieser Spieltag irgendwie unter keinem guten Stern.
Der ursprüngliche gemütliche Reise- und Übernachtungsplan zerschlug sich zeitnah, nach einigem Hin und Her und von den traurig am Kühlschrank hängenden Karten gemahnt entschloss sich die Neusser Sektion von Siamo Tutti ein Hohelied der Jugend zu singen und mit Schöner-Tag-Ticket und Bimmbelbahn die 600 km Luftlinie anzutreten. Sektion Münster/Frankfurt/Mainz würde dann ausgeschlafen in FFM dazustoßen. Erinnerungen wurden wach an eine relativ legendäre Wochenendticketfahrt nach Berlin zu Regionalligazeiten (06/07 muss das gewesen sein), bei der im örtlichen Jahnstadion (!) nach 12 stündiger Regionalexpress-Odyssee kläglich und in der Höhe verdient 3:0 gegen Hertha II verloren wurde (wie gesagt-kein guter Stern.)

Naja, wir sind auch nicht mehr die jüngsten, also fiel der Vorabendsuff doch deutlich zivilisierter aus als Anno dazumal und der Bahnproviant bestand nicht ausschließlich aus Bier.
Ich will nicht jammern, die Hamburger waren ja noch länger unterwegs, trotzdem, 5 Uhr Wecker an einem „freien“ Tag ist nicht schön. Aus dem Radio plärren die Ärtzte….“zu spääääät, zu späääät, dann tut es dir Leid,doch dann ist es zu späääät“. Welch Ironie. Nicht nur angesichts der Uhrzeit. Als ich etwa 14 Stunden später mein Blick vom Spielfeld abwendete und stattdessen nur noch hypnotisch auf die braun-weiß-rot im Regensburger Abendhimmel wehende Fahne starrte kamen mir Farin Urlaubs Worte wieder in den Kopf. Ich will nicht vorgreifen, aber ihr alle wisst wie es da so war, da tat es mir Leid und es war zu spät.
Morgens früh konnte ich solche Abstraktionen noch nicht leisten, zumal im Anschluss direkt „Allright“ von East 17 lief. Gemeinsam mit der Freude über den nur geringen Kater kam der Song einem Heilversprechen gleich: „Everything is gonna be allright“ und ich hatte richtig Bock. Bock auf 10 Stunden Bahnfahren mit super Leuten, Bock auf nen neuen Ground, Bock auf 3 Punkte, Bock auf eine durchdrehende Kurve, Bock auf fußballbedingtes Glücklichsein, kurz: BOCK AUF DEN MAGISCHEN FC!

Den anderen Dorfjungen eingesammelt, Brötchen und Kaffeeversorgung angekurbelt, doch ma lieber n Notfallbier eingepackt und los ging dat!
Die Tatsache, dass ein Quer-durchs-Land-Ticket erst ab 9 gilt geflissentlich ignoriert. Die kurze Durststrecke zwischen Gültigkeit der NRW-Studitickets und 9 Uhr würde schon rumgehen, zur Not gibt’s ja da noch ne glasklare Taktik im Umgang mit übereifrigen Kontis. Erst einen auf netter Schwiegersohn machen, können P. und ich besonders gut, und wenns nich hilft hart ‚rumasseln!
Die Fahrt verlief aber ereignislos, dem Konti war es schlicht egal, um so besser.

Die ersten Momente dieses Trips standen klar im Schatten des Deutschpunks, schlicht weil mich ein schlimmer Ohrwurm plagte und wir trotz jahrelanger Punk-Sozialisation ums Verrecken nicht drauf kamen von wem er war. Smartphone sei dank, der hier wars (Im Übrigen wunderbar auf FCSP umdichtbar, da muss der Kollege gleich ma hier den Wortlaut nach reichen, T., dein Einsatz! comment: T. dieses Versprechen soll demnächst eingelöst werden!)
Wenn man so lange unterwegs ist entwickelt man ja so einen wunderbaren Fatalismus und eine nahezu juvenile Albernheit, auch ganz ohne Alk war es schon ein ziemlich infantiler Spaß. Köln hinter uns gelassen, auf dem Weg nach Koblenz.
Schön da, ne echt schön. Schade nur, dass die Wikinger auf halber Strecke halt gemacht haben. Hatten augenscheinlich keine Lust mehr auf Kirchen niederbrennen, so dass ca ab Oestrich-Winbeck die schönen Burgruinen wieder durch klerikale Schandflecken abgelöst wurden. Egal, ihr merkt was ich meine.
Eins sei aber noch angemerkt, auf dieser Strecke scheinen nur, und ich meine NUR Rentner unterwegs zu sein, die Pro’s unter ihnen in schnieken Radlerklamotten samt zu enger Hosen. Allesamt jedoch durch die Bank schlecht gelaunt, hört mal, die Deutsche Bahn kann doch auch nichts für eure mickrige Rente! Bei solchen Anblicken bekommt man dann doch Bock und das erste Bier wurde geköpft. Angestoßen auf die Erkenntnis, dass Elvis die Bacon Zahl 2 hat. War mir auch neu, aber es stimmt. Beweise gibt es hier.

Schnell noch eine SMS an die Straight Edge Fraktion geschrieben: „hömma mein edgiger freund, ich hoffe du bringst gleich n sixpac ran“ – „alkoholfrei war richtig oder?“ – „wag es und du lernst den mvag* kennen“ (* mvag – m. Von außergewöhnlicher Größe – Interessierte lesen hier weiter

Und tatsächlich, am Frankfurter HBF traf man nicht nur auf Verrückte in Verkleidungen, die offensichtlich auch nach Bayern wollten, sondern auch 2 ausgeschlafen und wohl gelaunte Siamos.
Klar, schickste n Edger Bier holen, holt der Tuborg, aber wat solls, ab jetzt wurde es richtig lustig, Bierchen, grandioses Catering (irgendwie hatten alle Beteiligten was gekocht. Und ja. Ich kann nicht essen. Mit mir ist es eine Plage, auch wenn ich mich anstrenge, es wird immer in einer Sauerei enden. Vor allem wenn alle Mitreisenden abstruse Geschichten aus ihrem (Arbeits-)Leben erzählen. Datenschutz und so, aber es ging um 12 jährige Kettenraucher, ärgerliche Dorfpolizisten und andere lebensbejahende Erlebnisse.)
Die Auswärtsfahrt von Außergewöhnlicher Länge flog quasi dahin und über Würzburg und Nürnberg rollten wir langsam auf Regensburg zu. Stimmung prächtig, auch das Tippspiel liesz keinen Zweifel über den 3-Punkte-Optimismus. Naja, der Pott wächst, sag ich mal.

Die Trainerdiskussion hat sich ja jetzt erübrigt. Ich will gar nichts groß zu Frontzeck sagen, jetzt ist er halt da und verdient Unterstützung. Ich hoffe schlicht, dass meine Skepsis (BORUSSE!) haltlos ist. Wir hatten ihn jedenfalls nicht auf dem Zettel. Unsere Gedanken kreisten vielmehr um den guten, alten Peter N. Ich persönlich liebe den Mann aber das letzte was man sich wünschen kann ist den als Trainer zu haben. T. sieht das traditionell anders, nach längeren Diskussionen hatten wir aber eine grandiosen Konsenskandidaten. Leider zu spät an die Geschäftsstelle gefaxt, weil, hömma, Leute, ganz ehrlich: mit Dragoslav Stepanovic wären wir direkt auf UI-Cup-Kurs gegangen. Egal.

In Regensburg aus dem Zug gestiegen, überall schon braun-weiße. Auch ne Menge komische (pittbull germany crew die „ultrà antifa“ gröhlt, hillarious!). Dazu leider später mehr. Spät dran, noch 1,5 Std. bis Anpfiff, normalerweise hänge ich da ganz gerne schon vorm Stadion ab. Also hurtig ins Hostel, das der Kreditkartenhoschi in einem Anflug von Intelligenz vorher gebucht hatte, einchecken, Sachen in die Ecken werfen und auf die Suche machen. Man kann ja mal Leute fragen: „Wo geht’s denn hier zum Stadion“ „Wenns ihr uns nich verprügelts doann soagens mirs euch“ ?!? WTF? Klar, wir prügeln erst mal die Scheiße aus euch raus. Aber wegen eures Akzents, nicht ob der Regensburg Schals.

Der gewiesene Wege war dann der richtige, alles etwas unentspannt, weil halt kurz vor knapp. Das Stadion ist ja alt, charmant und mitten zwischen Häusern gelegen, die Einlasssituation war aber schlicht ätzend. 2 Ordner*innen für keine Ahnung, tausende Gästefans. Lassen sich natürlich auch alle Zeit der Welt. Währenddessen darf sich die Spezies „Auswärtiger Vollasi“ ausleben. Klare Ansagen auf dicke-titten-oleole-Lieder führten zu Verwirrung, Aggressionen und zur Schau gestellter Dummheit. Ich bewundere Leute wie L. die darauf noch adäquat reagieren kann, ich seh da einfach nur rot. Ich will solche Leute nicht in „meinem“ Block haben. Bitte Leute, geht an den Ballermann, holt euch n Sky Abo, geht einfach sterben, aber verpisst euch aus unseren Blöcken. Auf euch können wir gut verzichten. Und erwartet nicht noch, dass wir über euren Sexismus, eure Homophobie, eure verkackte Dummheit diskutieren, da wird nicht diskutiert, und wenn Du das nicht raffst dann wunder dich nicht wenns mal was setzt, ahhhhh, mensch ey. Wers anders sieht, ihr findet uns meist unter unseren Doppelhaltern, kommt mal rum, wird direkt nonverbal erklärt. Ist das arrogant, unangebracht? Ich fühle mich leider oft als was Besseres angesichts vieler Menschen die sich St. Pauli Fan nennen. Klar, ich bin auch Auswärtiger, musste mich an viele Dinge in dieser Fanszenen ran tasten und gewöhnen, aber irgendwie erwarte ich doch nur, kein Arschloch zu sein. Scheinbar zu viel verlangt für einige. Somit ist auch jede*r Neue gern gesehen, wenn er*sie die Werte in der Fanszene St. Pauli für sich annehmen kann. Egal, Exkurs ende.

Noch pünktlich im Block, diesmal keine Zaunfahne, Adorno war in Frankfurt irgendwie lustiger.
Und nein, wir haben den Widerspruch Adorno/Fußball noch nicht aufgelöst (negative Dialektik und so – Auflösung ist doch scheisze), wir finden das schlicht (aber nicht nur) witzig, wir komischen Akademiker*innen-laberköppe. (comment: Die Rechtfertigung werden wir euch auch noch bis zum Paderbornspiel schuldig bleiben – so als Cliffhanger, damit ihr weiter interessiert bei unserer Gruppe schaut)

Zum Spiel, zum Spiel. Ich weiß, das hier ist n Fußball-Blog, da geht’s um Sport, wichtig is aufm Platz. Aber was soll ich dazu sagen? Das war einfach nichts, deshalb in gebotener Kürze. Gegen einen nicht mal sonderlich cleveren Aufsteiger verdient 3:0 verloren. Klar, wenn das nicht gegebene Tor zählt beim Stand von 0:0 kann so was anders ausgehen. Aber mal ehrlich, diese Mannschaft ist so verunsichert, da ging einfach nichts. Auch nicht über Kampf. Einfach alles ging schief. Leute wie Tschauner und Schachten tun mir da auch irgendwie Leid, wenn da nur scheiße passiert. Ich bin relativ ratlos und habe eine ehrlich gemeinte Abstiegsangst im Nacken.

Im Block das (leider) übliche Bild der letzten Auswärtsspiele. Ultras gehen gut ab, keine Frage, aber 10 m links und und 5 m rechts von unserem Standpunkt ist nur noch Stille. Selbst das Aux Armes mit dem Nachbarblock haut einfach nicht hin mangels Beteiligung. Die beiden Hoschis aufm Zaun geben sich alle Mühe, aber es kommt außer von den üblichen Verdächtigen einfach nichts. Ich erwarte nicht, dass man bei Stand von 3:0 ausrastet vor Freude, aber auch vorher einfach nur Stille (der Fernsehgucker zuhause sagte zwar, wir wären gut gewesen, aber ich habs vor Ort anders wahrgenommen). Und klar kann man die Art und Weise des Ultrasupports kritisieren, In Frankfurt fand ich auch ein paar Sachen nicht angemessen. Aber wenn die, die sich hinterher im Forum über DauerLALA und Einschläfern beschweren im Stadion mal das Maul aufmachen, pusten die uns LALALA’s mit einem Roar ausm Stadion. Also, nit quake, make! wie der Rheinländer sagt.
Ab Mitte HZ 2 hab ich irgendwann nicht mehr hin geguckt, siehe oben, meine Fahne geschwenkt und gesungen. Und gehofft, dass der endlich abpfeift. Zu grausam. Trotzdem, zT übles Gepöbel vom Zaun gegen Leute wie Bene (! der hat nichma gespielt Hoschi! *insertichbinschoninderregiodabeigewesenbesserfangepöbelhere*) und Schachten, der sich zum Wiederholten Male nach ner Niederlage am Zaun stellt sind scheiße und unnötig!

Die Mainzer Snobs mussten dann zügig los, den IC nach Hause kriegen und verabschiedeten uns in die Regensburger Spätsommernacht.
Ratlosigkeit mischt sich mit Frustdurst. Also auf die Suche nach nem Kiosk gemacht. HAHAHA mag der bayrische Leser denken, aber uns war schlicht nicht klar, dass man in diser Stadt kein Bier kaufen kann. Schlimm sowas. An der einzigen Dönerbude der Stadt rief der freundliche Herr dann 2,50 plus 50 ct Pfand für ne lauwarme Kanne auf, da protestiert die Punkerseele, nicht mit uns. Lieber zum Bahnhof gelatscht und da mit Paderborner und Jägermeister eingedeckt. Die Mainzer*innen wurden für ihre Faulheit mit Bahnverspätung gestraft (Comment von Sektion MS/MZ: erst 80, dann 110 Minuten, ist gar nicht so witzig, das Warten in Regensburg – immerhin konnten wir uns als diskursive Sammler*innen betättigen und retteten eine kleine Fahne aus bay‘rischen Souvernir-Jäger-Fängen und hatten einen netten Heimweg mit den versprengten Übrigen von les sans gouts), so dass man vor‘m Bahnhof noch ein wenig über seine Gefühle reden konnte. Als die weg waren, hieß die Devise: nur noch Lampen aus und schnell auf traumloserkomaschlafmodus bringen sowie den Jahresvorrat an Aufklebern verkleben.
Bayern ist im Übrigen scheiße. Die Menschen reden komisch, sind unfreundlich freundlich und selbst die Cops waren sich der Gefahr, die von uns ausging nicht bewusst. Ich finde die Lösung: Mauer drum. Gut, da würde sich doch keiner beschweren. Make St. Pauli a Threat again! ;)

Rückfahrt um 9, eigentlich das gleiche wie hin, entspannt, viel Gelaber, nur ohne Alk. Und Rauchpausen brauchten wir auch nicht. Ich rate Wochenendticketnutzer*innen sich bei Umstiegpausen mit dem örtlichen Christlich-Konservativen Hetzblatt einzudecken, man erfährt ne Menge über Mentalität und Alltagsprobleme der Menschen. So sind nach Randalen am Rande einer Facebookparty im Jugendraum der Gemeinde Gauskönigshofen Privatfeten dort ab sofort tabu.
Wir schließen uns der Gemeinderätin Jutta Lersch an, es war wirklich ekelerregend dort. Ihrer Schilderung nach lagen dort „Flaschen, Gläser und Mageninhalte“ herum, vom Lärm mal ganz zu schweigen. Der Kommentator des Blattes weiß mitzuteilen, dass es sich bei Facebook-Partys um ein gesellschaftliches Problem handelt. Wer also Probleme mit der Gesellschaft hat möge unsere brandneue Facebookseite liken!

Über Fußball sinnieren macht dann irgendwann doch müde und auch einsam. Ich möchte also diesen Bericht mit einer Bekanntsschaftsanzeige aus dem Würzburger Katholikenblatt schließen und wünsche dem Inserenten aus tiefstem Herzen alles gute, so geht’s mir manchmal auch mit dem FCSP:

„ER, 31, asozial, ungepflegt, stinkfaul, oberflächlich, strohdumm, humorlos und versoffen sucht schlanke Sie zw. 25 und 30 j. Für immer.“

Kleiderspende für die Migrant*innen in Horst

Wir von Siamo Tutti FC St. Pauli, haben uns dazu entschieden die Bemühungen von USP Antirazzista aus der Ferne so gut wie möglich zu unterstützen! Denn die meisten werden es gemerkt haben, der Winter bahnt sich an und diese Jahreszeit ist nicht zu unrecht als die Kälteste bekannt – daher werden für die Migrant*innen im Lager Horst (gut erhaltene) Anziehsachen benötigt.
Leider ist die Situation derzeit auch so, dass eine Kleiderspende für jung und alt bzw. für jedes Geschlecht benötigt wird. Wer sich über die Situation im Abschiebelager Horst ein Bild machen möchte, kann Infos auf der Internetseite von No Lager Horst finden.

Ihr könnt eure Kleiderspenden an folgenden Orten abgeben (die Öffnungs- / Präsenzzeiten entnehmt ihr bitte den Homepages), bitte achtet darauf das die Kleidung gut erhalten ist und bringt einen Verweis darauf an, z.B. „für Siamo Tutti“:

Linkes Zentrum Hinterhof Düsseldorf
Club Courage Münster

Ihr solltet die Sachen nach Möglichkeit bis zum 07. Dezember dort abgegeben haben.

Vielen Dank!

No border, no nation! Stop deportations!